Mensch im Raum

Interview mit Christina Hubmann im SZ-Magazin

SZ-Magazin: Wie kamen Sie darauf, Menschen in ihren Wohnräumen zu fotografieren?
David Ertl: Während meines Studiums war ich auf der Suche nach einer Form, die Menschen aus meinem persönlichen Umfeld zu fotografieren. Ich habe mehrere Tage mit engen Freunden zusammen verbracht. Während dieser Zeit habe ich alle Beteiligten intensiv fotografiert. Das erste Bild aus dieser Serie ist als einziges übrig geblieben. Es war für mich eine Überraschung, dass es das Bild im Wohnzimmer war, welches absolut inszeniert ist, denn gerade dieses hat die Menschen für mich am treffendsten in ihrer Lebenssituation dokumentiert – es vermittelt ein Gefühl von Authentizität.

Wie lange haben Sie an dieser Bilderserie bereits gearbeitet und woher nehmen Sie die unterschiedlichen Menschen?
An dieser Serie arbeite ich seit 2004. Ich fotografiere ausnahmslos Menschen zu denen ich eine Verbindung habe – meine Oma, meine Eltern, meinen Klavierlehrer, Freunde, Kommilitonen, den Fotograf, bei dem ich mein erstes Praktikum gemacht habe. Es sind also keine Fremden, die ich mir für dieses Projekt gesucht habe. Ich fotografiere die meisten Menschen nach einiger Zeit erneut – wenn sie umgezogen sind, wenn sie mit einem anderen Menschen zusammen wohnen, wenn Kinder dazu gekommen sind.

Welche Zimmer haben Sie am meisten beeindruckt?
Mir war ziemlich schnell klar, dass ich nur im »öffentlichen Bereich« der Wohnung wie der Küche oder dem Wohnzimmer fotografieren wollte. Das Schlafzimmer war für mich schnell ausgeschlossen. Es ist ein intimer Einblick, den mir die Menschen in ihren Lebensraum gewähren. Ich möchte den Respekt vor den Abgebildeten bewahren. Ich kann nicht sagen, welche Zimmer mich am meisten beeindruckt haben. Sie sind alle verschieden und auf ihre jeweilige Art interessant. Die unscheinbaren Räume, die auf den ersten Blick nicht ganz so viel erzählen, haben einen besonderen Reiz.

Denken Sie, man kann von der Wohnung aus schon auf den Typ Mensch schließen, der darin wohnt?
Ich denke, die Räume, in denen die Menschen wohnen, erzählen einiges über die Menschen, die darin leben. Wohnungen werden mehr oder weniger bewusst gestaltet und sind somit im gewissen Sinn auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Aber die Räume erzählen auch nicht immer die Wahrheit. Man sollte sich nicht dazu verleiten lassen, die Menschen zu schnell in eine Kategorie einzuordnen.

Wie lebt es sich denn besser – in einer aufgeräumten Designerwohnung oder in einem chaotischen Zimmer, in dem alle Möbel wild kombiniert wurden?
Ich habe den Eindruck, dass die Menschen mit den Räumen harmonieren und sich darin auch wohlfühlen. Zumindest haben sich alle Beteiligten in den Bildern wiedergesehen.

Was haben Sie durch das Projekt gelernt?
Durch die Arbeit an der Serie habe ich viel über das Verhältnis von Betrachter und Betrachteten nachgedacht. Auf der einen Seite ist der Betrachter von seiner persönlichen Sichtweise geprägt – wie er Menschen sieht und worauf er beim Betrachten der Bilder besonders achtet. Auf der anderen Seite posiert der Betrachtete wie er gesehen werden möchte. Einige Freunde wurden durch das Foto nachdenklich. Sie haben die Situation des Aufnehmens und das Ergebnis nochmals in Bezug auf ihr eigenes Selbstverständnis reflektiert.

Welche neuen fotografischen Einblicke haben Sie gewonnen?
Aus fotografischer Sicht gibt es verschiedene Punkte, die ich festgestellt habe. Zum einen kann man den Wahrheitsgehalt eines Bildes nicht an der Art und Weise festmachen, auf die es entstanden ist. Ein inszeniertes Bild, auf dem die Menschen sich in ihren Räumen wie auf einer Bühne bewegen, kann authentischer sein als Bilder, bei deren Entstehungsprozess keine Eingriffe gemacht wurden. Zum anderen gibt es den Aspekt der Allgemeingültigkeit. Die Bilder erwecken auch bei Unbeteiligten Interesse, die keine persönliche Verbindung zu den Abgebildeten haben. Ein weiterer spannender Aspekt sind die verschiedenen Lesarten innerhalb dieser Serie. Dies fällt vor allen Dingen während der Präsentation bei einer Ausstellung auf. Es gibt mittlerweile über 100 Bilder und man kann sie unterschiedlich sortieren und zuordnen.